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31.07.2019

Hat nicht alles zwei Seiten?

Kolumne  
Schreibfeder mit Tintenfässchen

Liebe Glückstädterinnen, liebe Glückstädter,

einerseits und andererseits – hat nicht alles zwei Seiten?
Anfang Juli fand das Happytown-Festival mit ganz viel Engagement vor und hinter den Kulissen statt – ein Event, an dem sich die Geister aber scheiden, was verbindet und gleichzeitig provoziert. Es soll ein Festival für jeden sein mit Vielfalt auf allen Ebenen. Eine Vielfalt, von der eine Stadt nur profitieren kann. In erster Linie fühlten sich wohl die Jüngeren angesprochen. Warum auch nicht. Das Angebot für diese ist in Glückstadt zweifelsohne ausbaufähig. Anderseits ist die Lautstärke der Musik trotz des Zeitalters sehr leistungsfähiger Beschallungsanlagen mit der aktuellen Gesetzeslage in Einklang zu bringen. Unter anderem wird daran zum hoffentlich im Juli 2020 auf der Docke stattfindenden 3. Happytown-Festival noch stärker zu arbeiten sein. Einerseits ist das Festival eine riesige Party. Anderseits hat es sich zum Ziel gesetzt, neue Perspektiven zu eröffnen – räumlich: Ich kann mich an kein Riesenrad auf der Docke erinnern – aber vielmehr inhaltlich durch Vorträge/Workshops zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Als Bürgermeisterin frage ich natürlich nach den Perspektiven unserer Stadt. Kein Lärm, keine Umweltverschmutzung, keine Staus, Freiraum für alles und jeden, Nachfrage und Angebot an Wohnraum, Arbeit und Freizeitaktivitäten decken sich – die perfekte Stadt wird es wohl nie geben. Aber was macht eine Stadt, was macht Glückstadt zukunftsfähig? Nun kann man einerseits behaupten, Glückstadt hätte keine Perspektive: die wirtschaftlichen Bedingungen sind insgesamt eher durchschnittlich, die Kaufkraft unterproportional und der demografische Wandel macht bei uns ebenfalls nicht halt. Wichtiger ist jedoch: Wie hat Glückstadt eine gute Zukunftsperspektive? Wie und was müssen wir tun, um im Wettbewerb um Arbeitsplätze, Bürger und Lebensqualität nicht abgehängt zu werden?
Häufig ist zu hören, die Zukunft läge ausschließlich in den Metropolen und Großstädten. Ist dem so? Viele werden – vielleicht auch abhängig von der persönlichen Lebenssituation – antworten: Das Beste ist in einer Kleinstadt in der Nähe einer Großstadt zu leben. In kleinen charmanten Orten mit kurzen Wegen – räumlich wie zwischenmenschlich. Und trotzdem jederzeit die Möglichkeit haben, die Vorteile einer Großstadt zu genießen. Bewegen sich die Wünsche nicht gerade zwischen Virtual Reality sowie Anonymität einerseits und Sehnsucht nach Kontakt anderseits.

Ähnlich – einerseits und anderseits – konsumieren wir. Alles soll jederzeit möglichst günstig verfügbar sein. Auf der anderen Seite besteht der Wunsch und - zum Glück - zunehmend die Einsicht, dass dies angesichts der begrenzten Ressourcen, Entfernungen und Jahreszeiten nicht sein kann. Es ist ein gesellschaftliches Dilemma: Obgleich der Einzelne weiß, dass es für die Gesellschaft besser wäre, wenn alle Menschen ihren ökologischen Fußabdruck beachten würden, handelt er im Glauben an die Umweltfrevel seiner Nachbarn anders. Gekauft wird das Billigste, das Elterntaxi überstrapaziert und/oder eine Fernreise gebucht. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft und wissen es eigentlich besser.

Es braucht eine Perspektive. Hierfür gilt es zu investieren. In Breitband, in eine Infrastruktur die e-Mobilität ermöglicht. Wir brauchen die A20 mit fester Elbquerung vor den Toren unserer Stadt und den konsequenten Ausbau des ÖPNV einschließlich der Einbindung Glückstadts in den HVV-Bereich. Die Landesentwicklungsplanung sieht in Glückstadt besondere Potentiale zur Nutzung von Geothermie aus 2.000 m Tiefe. In der Gastronomie setzt man auf regionale Produkte – dabei nicht alleine auf den Glückstädter Matjes. Insofern: Glückstadt hat eine Perspektive.

Ihre
Manja Biel